Bei der arbeit

Und es ist wieder mal Sonntag 🙂

Mir ist bewusst geworden, dass mir dieses Schreiben hier hilft, mit dem Geschehenen der Woche abzuschließen. Deswegen versuche ich so offen und ehrlich zu mir und euch zu sein, wie möglich. Vielleicht wird dieser Sonntag etwas grauer als die Anderen.

In meinen Praktika, in Deutschland, habe ich schon gesehen, was es meint, wenn Menschen hilflos sind. Kinder im Kindergarten können das sein und Senioren im Altersheim, wenn der Körper oder Geist nicht das machen, was sie sollen. Doch diese Woche war ich es nicht, die helfen konnte, sondern die die absolut Hilflos war. Bei vorgefertigten „Wahrheit oder Pflicht “ – Fragen gibt es doch diese Frage: „Was ist dein peinlichstes Erlebnis?“ Darauf wusste ich bisher keine Antwort und jetzt gleich mehrere. Wir standen an der Supermarktkasse und es war sehr eng, den montags 19:30 gehen einfach ALLE einkaufen. Die Frau hinter mir redete ununterbrochen Rumänisch und wurde immer aggressiver, was ich allerdings nicht mitbekam. Doch Alban zog mich, nach einer kleinen Ewigkeit, beiseite. Die Frau wollte nur an den Korb der neben mir stand und ich habe mich nicht mal angesprochen gefühlt. 🙁

Solche Begebenheiten häufen sich langsam. Die Mutter mit Kinderwagen, die nur vorbei möchte, der Mann im Rollstuhl im Bus, die Frau mit Kind und Gepäck … Ich bin es unglaublich leid, überall Hilfe zu benötigen. Wir können nicht mal alleine zur Post. Yulia muss uns überall hin bekleiden. Man könnte jetzt natürlich sagen: „Wäre sie mal nach England gegangen!“ „Dort könnte sie sich zumindest verständigen!“ Neee, ich kann auch in Großbritannien kein Bürokratenenglisch und zur Post wahrscheinlich auch nicht.

Es ist nur so ermüdend: ich bin doch hier um zu helfen.

So viele Kartoffeln zum schälen – sie sind für den Winter

Apropos Bürokratie: Mit der bin ich noch lange nicht fertig. Wir waren bei einer Notarin (nach dem wir bei der ersten ganz nett wegeschickt wurden), die unser Führungszeugnis übersetzt. Sie selbst hat auch nicht verstanden warum wir das brauchen, denn wir haben eine Überbeglaubigung (23€) der moldawischen Botschaft in Deutschland.

Außerdem brauchten wir Passbilder. Ist ja nicht so, dass ich noch eins in Deutschland habe. Nein, hab’s nicht vergessen sondern es wusste keiner, dass wir das brauchen. Naja, also zum Fotografen. Vier Stück kosten 30 Leu, also  1,50 €. Leider kann ich mich mit diesen Bildern nicht für Zuhause eindecken: der Fotograf war … anders. Kein professionelles Studio, sondern eine kleine Kammer zwischen einem Tatoostudio und einem Friseur. Eine weiße Wand, eine Nikon mit Blitz, ein Klick, fertig. Keine Bemessungen, keine Symmetrie. Nicht mal meine Augen sind richtig zu sehen. Andere Länder, andere Fotografen. Weiter ging es zur Post: wir sind Erstwähler und fühlen uns unglaublich wichtig 😉 . Leider müssen wir den Versand selber zahlen. Die Luftpost hätte uns 25€ pro Brief gekostet. Sorry, Deutschland, aber das ist nicht drin. Also fragen wir doch mal die Botschaft, ob die das mit verschickt. Haha, Pustekuchen, die hilft dir Freitagnachmittag nur, wenn du in Gefahr bist.  Also senden wir unseren ersten Stimmzettel per Schneckenpost über mindestens 3 Ländergrenzen. Wir fallen mit Sicherheit in die Nichtwählerstatistik. (Vielleicht könnt ihr ja deswegen gehen, nur so…damit unsere zwei Stimmen wieder gut gemacht werden…? Büüüttte..) Vielleicht, liebes Deutschland, lässt du dir mal eine sicherere Methode der Briefwahl einfallen. Dann wählen eventuell auch mehr. 😛 Yulia fand das übrigens lustig. Sie würde wahrscheinlich einen Cocktail trinken wenn Wahlen wären, meinte sie. Sie möchte eh am liebsten nach Amerika und Moldawien hinter sich lassen. Die Greencard hat sie schon beantragt. Nach drei Wochen hier, tauche ich auch immer mehr in das System ein und verstehe Yulia. Wir wissen von ihr, dass es an Universitäten Korruption gibt. Auch Yulia hat studiert. Fünf Jahre Wirtschaft. Entschied sich gegen die korrupte Privatuni obwohl sie wusste, dass sie mit deren Abschluss gute Berufschancen hätte. Von einem anderen deutschen Freiwilligen wissen wir, was der Kampf um die Aufenthaltsgenehmigung wirklich bedeutet: Er ist seit März hier, drei Monate ohne Genehmigung sind noch gestattet, danach bist du illegal im Land. 300 Leu hat ihn das gekostet. Das hätte nicht sein müssen. Die Beamtin hat ihn von einem Autoschaden berichtet. Hätte er den bezahlt, wäre alles ganz schnell gegangen. Dabei hängt in jeder Behörde doch ein Plakat gegen Bestechung…

Yulia, Ich und eine Bunica

Yulia hört diesen Donnerstag auf mit arbeiten. Wir schauen dem sehr betrübt entgegen. Sie ist nicht nur unsere Hilfe sondern fast eine Freundin und das Tor in eine fremde Kultur. Doch wir verstehen sie: fünf Jahre Studium mit super Noten und jetzt macht sie soziale Altenarbeit. Sie macht das gut, freiwillig und gerne. Aber sie verdient 150 Leu am Tag. Das ist weniger als der deutsche Mindestlohn in der Stunde. Ich weiß nicht, wie ich damit umgehen soll. Würde Yulia nach Deutschland kommen, wäre sie Wirtschaftsflüchtling. Ich wäre empört, wenn ich wüsste, dass es anderen europäischen Ländern besser ginge. Sie blickt eher… bewundernd auf uns. Außerdem hört sie ganz andere Nachrichten von Deutschland. Yulia glaubt an enorme Kriminalität der Ausländer und dass sie alle illegal da sind. Sie betrachtet diese kritisch, obwohl es Menschen sind, denen es in ihrem Land noch schlechter geht als ihr selbst. In Moldawien fehlt scheinbar richtig viel Aufklärung: Auf der Straße gibt es neben den Zeugen Jehovas ganz nette aufgeschlossene Mormonen aus den USA, die unsere Mentorin gleich zu einem Seminar einluden, zu dem sie gehen wird.

Ob ich den auch oft zu Primark gehe? (Das gibt es hier nicht, aber man kennt es von Besuchen in DT und GB) “ Nein, ich vermeide es, wegen der Chemie und der Kinderarbeit.“ „Wie, Kinderarbeit? Ich habe da keine Kinder gesehen…!“ Ich lasse das so stehen. Ich werde hier keine Moralkeule schwingen. Ich weiß, dass meine Arbeit hier wichtig ist, weil der Staat Soziale Arbeit nicht bzw. kaum bezahlt. Vor meiner Abreise habe ich mich mit dem Kontra der Freiwilligendienste auseinander gesetzt. Man sagt, dass reine Geldspenden besser wären. Keine umweltschädlichen Flüge, und meine 100€ Taschengeld kämen einem Hilfsprojekt direkt zu gute. Mittlerweile bin ich froh, dass ich hier in dieser Stelle bin. Ich unterstütze keine Korruption und ich mache diese Arbeit ohne, dass ich davon immer leben können muss. Yulia hat eine Arbeit verdient, die ihr eine Rente und vorerst überhaupt eine Wohnung ermöglicht, wo sie nicht 50 km täglich zur Arbeit hin und zurück braucht. Ich kann es mir leisten, hier Kleidung aus „iuvas“ zu kaufen, was in Moldawien produziert wird. Yulia kann das nicht oder nur wenn sie spart. Ach übrigens, sie arbeitet auch am Wochenende in ihrem zweiten Job. In Deutschland gebe es dagegen Protest, hier ist jeder froh wenn er sich ein Luxusgut leisten kann.

Etwas Kultur gab es diese Woche natürlich auch. Am Mittwoch besichtigten wir mit den Senioren ein orthodoxes  Kloster, ca. eine Stunde entfernt von Chişinău. Während für uns dieser Besuch vor allem von touristischer Natur war, bedeutete es den bunici (Rom.: Großeltern) eher auf spiritueller Ebene etwas. Ich muss mich mit dem orthodoxen Bräuchen noch vertraut machen: Das Küssen der Heiligenbilder kenne ich aus dem Griechenlandurlaub, diese Schreine mit Hautstückchen von Heiligen eigentlich nur aus Büchern. Als der Priester dann kam und all unsere Seniorinnen sein Kruzifix küssten war ich dann wirklich überfordert. (Es war befremdlich. Kritisieren will ich diese Art des Glaubens nicht.)

Kloster Hincu, welches in der Sowjetzeit gelitten hat. Heute wird es wieder aufgebaut – zumindest für die Fasade reichte das Geld. Im Inneren ist alles noch roh.

Auf so einen Ausflug lernt man die Gruppe sehr gut kennen. Zum einen weiß ich jetzt, dass ältere Damen und Herren genauso sind wie Kinder. Sie schnattern in der Kirche und trampeln über die Wiese, und nehmen im hohen Alter lieber die steile Abkürzung, statt den befestigten Weg.

(Übrigens in Pantoffeln und nicht in Wanderschuhen). Auf der anderen Seite sind bunici gut fürs Selbstwertgefühl. Da gibt es hier einen Schmatzer und egal wie wenig sie rumänisch oder Englisch können: sie werden nie müde dir zu sagen, dass du ein wunderschönes Gezischt und tolle Haare hast  . Also: Wenn man früh vor dem Spiegel denkt, „Hilfe wie sehe ich aus“, besucht Oma und Opa und alles wird besser.

Auf diese Frisur bin ich enorm stolz 😉

Mittwoch war auch unser erster Sprachkurstag. Und ich verzweifele bereits jetzt. Theoretisch müsste ich doch nach all den Peinlichkeiten einen Ansporn haben? Aber wir reden über das Wetter und es klappt noch nicht mal das. Rumänisch hat mit Deutsch so viel gemein wie Elefant und Kuh. Sind beides große schwere Säugetiere aber sie ähneln sich sonst überhaupt nicht. Allgemein besteht diese Sprache nur aus Ausnahmen; Adjektive werden dem Geschlecht angepasst; der Artikel muss hinten an das Wort… Dagegen erscheint mir Englisch plötzlich kikifax. Aber: Ich zieh das durch. Unsere Lehrerin ist wirklich sehr lieb und ich wollte hier her. Außerdem kann ich nicht jedes Mal aus Versehen Ziegenkäse oder Schafskäse kaufen.

Auch Samstag waren wir zum Rumänisch lernen in der Stadt nur wir kamen nicht wieder raus. Wegen einer Militärparade war der Stefan cel Mare Platz völlig zu und die Trolleybusse fuhren einen riesigen Umweg. 1 1/2 h bei 30 Grad Celsius dauerte es, bis wir endlich den richtigen Bus gefunden hatten. Unser Parkausflug wurde vertagt.

Nun ja, es muss auch solche verkorksten Tage geben.

Zu meinem Kuchen von letztem Sonntag: er war nicht so toll, aber genießbar, wenn man nicht an Mamas Alternative denkt. Diese Woche war Alban  dran und zum Glück ist auch er nicht ganz zufrieden. Aber wir geben nicht auf .

Ich erzähle euch hier nicht, dass zusammen Leben nicht immer so rosig ist. Aber es ist trotzdem gut, dass wir zusammen hier sind, denn alleine würde ich alles nicht so optimistisch sehen und auch nicht so viel erleben. Diese Website gäbe es ohne männliche Hilfe übrigens auch nicht.

Zusammen ist es leichter, nicht zu viel zu vermissen. Denn es wird mehr, was fehlt: Mein Auto, Kinobesuche und allen voran Familie und Freunde. Ich freue mich immer, wenn sich mal jemand aus der Heimat meldet.

So, genug für heute. Nächsten Sonntag gehen wir in die Botschaft zum Wahlabend mit Liveübertragung. Dazu muss man eingeladen werden und ich fühle mich soooo wichtig.

Nein, Spaß, es wird ein Abenteuer zwischen all den tollen Bürokraten…

In diesem Sinne: bis zum nächsten Wochenende 🙂