Es ist schon eine Weile her, dass ich mich gemeldet habe, in letzter Zeit ist einiges passiert worüber ich intensiv nachsinnen muss. Ich habe versprochen auch solche Gedanken hier nieder zu schreiben und vielleicht kann ich somit einige wichtige Fragen beantworten. Reflexionen sind wichtig, aber eigentlich haben wir dafür die Berichte, die regelmäßig an unsere Organisation gehen. Da mir das hier alles aber mehr Spaß macht und es auch viel leichter von der Hand geht, verfasse ich meine erste freiwillige Reflexion also hier.

Panorama 🙂

Während unserer Vorbereitung in Deutschland, sprachen wir oft über eine Motivationskurve, welche um die Weihnachtszeit ihren Tiefpunkt erreicht und gerade jetzt sehr hoch sein sollte. Ich tanze da aus der Reihe. Im Moment bin ich an einem Tief, was an verschiedenen Punkten liegt.

Neues Kloster Saharna von oben- laut der Legende fastete der Gründer des alten Klosters in den Höhlen um einen Platz für ein größeres Kloster zu finden. Die Jungfrau Maria erschien ihm nach 30 Tagen und zeigte ihm diesen Platz. Das kommt davon wenn man nix isst.

Erste Gedanken an den Abschied… Montag vor 14 Tagen offenbarte uns (die Gruppe der Kleinsten und mir) Schwester Mihaela, dass sie unerwartet zurück nach Iaşi muss. Dort ist der Ordenssitzt von unseren Schwestern. Traurig waren nicht nur die Erzieher, sondern auch ich. Dass ich mit Nonnen im Kindergarten so meine Probleme habe, ist kein Geheimnis. Im meinem Kopf habe ich meistens sehr strenge Klischees und veraltete Konzepte. Ganz unwahr ist das ja auch nicht. Mihaela aber war anders. Zum Einen war sie genauso neu wie wir und musste durch das gleiche Bürokratiewettrennen. Das führte zu häufigen Treffen  auf dem Amt. Zum verstand sie kein Russisch- wie wir. Durch Erzieherkrankheiten im Winter arbeitete ich  zwei Wochen und mehr mit ihr zusammen. Heißt: teilweise waren da eine Schwester ohne Ausbildung und eine Deutsche ohne Sprachkenntnisse in der Gruppe. Aber wir rockten das Ding, denn bei Mihaela ist immer etwas los. Sie spielt mehrere Instrumente (Geige, Gitarre, Klavier usw.) und auch sonst förderte sie die Kinder kreativ. Sie war es auch, die mir mit Paul half. Ein Frechdachs mit flaxblonden Haar und blauen Augen- Michel aus Lönneberga ist nix gegen ihn. Paul widersetze sich jeglicher meiner Anweisungen, haute und trat und ignorierte ein-

Schlange hat Hunger. Schlange will Frosch essen. Frosch ist zu groß. Schlange weiterhin hungrig.

fach alles. Peinlich für ihn und mich: Entschuldigunszeremonie vor zwei Schwestern und seiner Mutter. Ich wollte das nicht. Aber es half. Paul und ich sind jetzt Freunde. Meistens. Ihr Einsatz für eine Entschuldigung  war aber nicht dass, was ich ihr so danke. Mihaela erzählte mir, dass unser kleiner Freund ihr Brille und Haube vom Kopf gerissen hatte, sie gab eine Schwäche zu und nahm mir das Gefühl von Unfähigkeit. Nun ist sie weg, Schwester Lucia hat nun schlechte Laune, ihr Lachen wirkt unecht. Musica und Tanz gibt es nun nicht mehr. Aber das Schlimme ist auch, dass ich noch 3 Monate habe, bis zum eigenen good bye.

Die Kinder fasten die Sache mit Gleichgültigkeit auf. Dachte ich. Drei Tage nach dem Abschied erzählte mir ein kleines Mädchen, dass Schwester M. weg musste und sie traurig ist. Kinder nehmen das ganz anders auf als Erwachsene.

Was erwarte ich eigentlich von meinem Abschied? Ich werde traurig sein, auf jeden Fall. Als ich von Zuhause weg bin, war da nur die Freude, so egoistisch es klingen mag. ich wusste, dass ich jederzeit zu meinen Lieben zurück kann. Aber hier? Dass mich jemand vermissen wird? Nein. Ein Gedanke mit dem ich mich schnell abfinden muss. Freiwillige sind ersetztbar, meistens. Es kommen Bessere oder Schlechtere. Kinder wachsen und sind immer im hier und jetzt. Warum schmerzt das so?!

Vielleicht auch, weil Zukunft ein so nebliger Platz ist. Ich schreibe immerhin gerade Blog statt mich endlich um die nächste Bewerbung zu kümmern. Da ist dieses Kribbeln im Kopf wenn der Gedanke UNI; STUDIUM; NEUANFANG auftauchen….

Da waren wir 🙂

Unanständige Kleidung und ihre Vorteile… Moldawien ist heiß. Es ist Mai und heute waren 31 Grad . Auf Warnung aller  Freiwilligen der letzten Jahre kaufte ich mir extra einen Rock der über die Knie geht. Alternativ bietet mein Kleiderschrank eine kurze Hose und eine Kollektion Sommerkleider wo keines die Schultern bedeckt. Es war heiß, ich freute mich also auf meinen Rock. Problem: Oberteil.  Bedeckt soll sein: Knie, Schultern und angemessener Ausschnitt. Ich entscheid mich für ein weißes langärmliges Oberteil. Ha, dachte ich, den Fehler der Kleidung machst du nicht. Unsere Küchenfrauen mochten meinen Rock, so feminim zeigt sich das Mädchen selten. Wie auch, wenn alles was ich habe unanständig ist. Im Kindergarten angekommen, gerade über dem Nachmittagssnack, schleppte mich Schwester L. in eine Rumpelkammer um mir mitzuteilen, ich solle mir etwas anderes anziehen „für die Kinder“. Im meinem Kopf platze eine Leitung für geordnete Gefühle. Problem war mein Oberteil, welches erahnen ließ, dass wer hätte es gedacht, unter ihm ein Mensch aus Fleisch steckt! Ihr müsst mir ohne Bild glauben, dass alle in Ordnung war, ich habe meine Familie gefragt. 😛

Das Problem war nicht, dass sie meine Kleidung nicht mochte, sondern ihre „Unfeinfühligkeit“. Ich kam zurück mit einem Halstuch bei 27 Grad im Schatten. Mir war sofort klar, dass alle reden würden. Genau jetzt, wo ich begann Kontakte zu finden. Scheinheiligkeit und die Wut auf die katholische Kirche kamen hoch. Jedes ver*** wenn ich eine Kirche oder ein Kloster besuche, bedecke ich Schultern und Haar, trage Hosen.  Bei Taufen die hier immer stattfinden kommen die Frauen in Kleidern in denen Bücken nicht möglich ist. Ich will darüber nicht urteilen. Regeln sind Regeln. Ich wusste es, nur nicht, dass es so streng ist. Wäre sie nett gewesen, hätte sie gesagt ich solle es nicht wieder tragen, aber sie hat mich weggeschickt im Bewusstsein, dass mich jede Erzieherin verurteilen könnte.

Ich bin leider nicht gut darin, Kummer zu verbergen. Scham und Wut schon gar nicht. Und genau diese Gefühle öffneten mir in der nächsten Woche die Tür zu einer guten Portion Gesprächen. Natürlich war geredet wurden. Woher wusste sonst das Küchenpersonal von meinem Problem? Die Erzieherhelferin der Kleinen fragte mich wie es mir geht und begann dann ein Gespräch über Deutschland wo sie wahrscheinlich hinziehen wird. Unsere schwangere Domna M. unterhielt sich 90 Minuten während unserer Schlafwache mit mir, u.a. über die Unterschiede der katholischen und orthodoxen Kirche. (Sie ist orthodox). Unter ihrer Arbeitsschürze verbarg sich eine Bluse- mit V Ausschnitt. Anzüglich ist das alles nicht. Ich habe es nicht nötig, Domna M. genauso wenig. Wir sind in festen Händen, das einzige was wir wollen, ist nicht schmelzen wie Olaf der Schneemann. Heute bin ich glücklich über meine Gespräche, die daraus entstanden, dass ich einen Fehler gemacht habe  und ich nicht verstecken konnte. Dennoch macht es mich wütend, mich nicht wehren zu können.  1. Was dürfen Kinder sehen?   Reicht es, keine Haut zu zeigen? Unsere Erzieher kommen seltenst ohne Schminken und regelmäßig in hohen Schuhen, ist nicht auch die eine Art der Präsentierung? Kümmert es die Kinder überhaupt? Wir singen ein Lied mit den Kindern, in dem es, soweit ich alles versteh darum geht, dass ein Junge sich ein Mädchen pflückt wie eine Blume, oder ein Mädchen den Jungen. Für mich ist das Frühsexualisierung, über die wir mal reden sollten.

Keimende Freundschaft… Otto ( https://www.wegwaerts.de/tiefpunkte/) und das Mädchen mit den lustigen Haaren sitzen auf der Korbschaukel und lassen Beine und Seele baumeln. “ Wie heißt du?“ fragt Otto. „Franci“ sagt das Mädchen. „Denci? “ „Ja, sags mal richtig F r a n c i “   “ Ich hab dich lieb, Danci“

Ich denke, es ist gut, hier einige Leute vorzustellen.  Otto kennt ihr ja schon, jetzt folgt Louis. Louis und ich sind Freunde, weil er das gleiche Problem hat wie ich: wir verstehen kaum Rumänisch. Louis spricht nämlich lustiges Russisch. Wenn er dann doch mal was auf Rumänisch sagt, verstehe ich wiederum nix, weil er alles mit sehr russischem Akzent sagt und er versteht mich eh nicht. Deswegen basiert unsere Freundschaft auf ‚an- die -Hand -nehmen‘ und High fives. Wir verstehen uns prächtig 🙂

Domna Olga und Domno Ion sind das absolute Traumpaar. 60 Jahre Ehe und sie scheinen immer noch verliebt. Ion war sehr krank, ob ein Herzinfarkt oder Schlaganfall weiß ich nicht genau, da gab es Übersetzungsprobleme. Jeden Falls geht bei ihm nix mehr so ganz gut. Er ist oft müde, vergisst viel und scheint abwesend zu sein. Olga hingegen  war zu Beginn sehr streng zu uns, ist jetzt aber eine gute Freundin. Heiraten wollte sie Ion eigentlich nicht, war nur so eine Beziehung. Erinnert mich an jemanden 😉

Olga kümmert sich um den Schal von Ion, er hilft ihr dafür in ihre Jacke. Wenn er auf dem Sofa im Tageszentrum schläft, stellt sie ihm Stühle davor, damit er nicht rausfällt. Viel reden wir nicht mit einander, sie sprechen Russisch und nur wenig Rumänisch. Aber wenn ich den Tee serviere umarmt mich Olga und Ion drückt einen Kuss gegen meine Wange. Doch dann sind da wieder diese Momente, in denen er dich ansieht ohne zu wissen ob er dich je gesehen hat. Es ist nicht immer einfach.

Kultur – oder wie kleine Gewässer zu unüberwindbaren Grenzen werden

Zu Ostern gab es ein Theaterstück mit einigen Elderlys und Alban. Ich durfte die Kamera machen. Zur Belohnung fuhren wir mit den Senioren nach Saharna, einem Kloster mit nahegelegenem Wasserfall. Wir: in Wanderschuhen und langer Kleidung , die Omas in Ballerinas und mit Spazierstock. Jede Wasserüberquerung, jede Stufe eine Schlucht die es zu überwinden galt. In Deutschland gibt es Kaffeefahrten auf  ebenen Wegen, in Moldawien gibt es steinige Flussabenteuer. Es war dennoch ein wunderschöner Tag, auch wenn wir mehr Angst hatten als die bunici.

Ich denke, Bilder erzählen hier wieder mehr als Worte.

Ich habe noch eine kleine politische Sache. Viele fragen sich ja, warum die Menschen die zu uns gekommen sind (Flüchtlinge ist kein schönes Wort), so vermeidlich teure Sachen tragen, Nike Schuhe unter anderem.

Ich mag den Gedanken nicht, aber ausgerechnet in Moldawien habe ich ihn doch häufig gehabt und automatisch gedacht: Ah Markenkleidung, die sind reich. Ich brauchte selbst Schuhe und suchte auf dem Markt in der Innenstadt. Ich konnte mir dort u.a. Adidasschuhe aussuchen, ob sie 2,3 oder 4 Streifen haben sollen. All Star Schuhe gab es

Im Höhlenkloste

für 15 €. Wert auf sein Äußeres wird auch dann gelegt, wenn kein Geld da ist. Häufig besitzen die Menschen die wenig Geld haben, auch weniger Kleidung, dennoch durchaus scheinbare Marken. Unterscheiden kann man das kaum. Bei uns In DT gibt es solche Märkte mit chinesischen Produkten nicht. Eins habe ich aber gelernt: Nicht Urteilen. Du weißt nix über eine fremde Person und es geht dich eigentlich nix an, ob die Pradatasche  Prada ist oder nix.

Ich würde mich freuen, wenn ihr mal schreibt. Was gefällt euch, was nicht?

Meldet euch mal unter s.Frances99@yahoo.com