Gedankenexperiment. Bei Desinteresse nicht lesen.

Stell dir vor, du bist 70 Jahre und wohnst in Deutschland. Geboren bist du also in der Nachkriegszeit und zwar im Osten. Mauerbau und friedliche Revolution hast du mitterlebt. Einen Zusammenschluss von der DDR und der BRD gab es aber nicht. Mit Zerfall des Ostblocks gründete sich aus der DDR ein neuer Staat, nennen wir ihn UTOPIA.

Die Wirtschaft kann mit der der umliegenden Länder nicht mithalten, doch jeder Präsident ist pro russisch, kommt aus der kommunistischen Partei. Auch du wählst so, weil in der alten Zeit ja noch alles besser war, es gab zwar keine Bananen aber man konnte sich die Miete und das Brot leisten. Jeden Tag besuchst du eine Kantine, die dir eine warme Mahlzeit schenkt. Besonders toll ist das Essen nicht, es wiederholt sich oft und du hättest eigentlich mal wieder Lust auf ein richtiges schönes Schnitzel oder selbstgemachtes Sauerkraut. Die Bedienung in der Kantine ist eine junge Amerikanerin, sie spricht kein Deutsch, denkt aber sie kann die Welt retten. Gearbeitet hast du immer, 20 Jahre schwarz in Russland, da war noch Geld da. Jetzt bekommst du 20 € Rente im Monat. Deine Miete zahlt dein Sohn, dein Handyvertrag deine Tochter, damit sie dich erreichen kann, sie wohnt in Frankreich. Gesehen hast du sie seit 5 Jahren nicht, deine Enkelin kennst du nicht. Zu Weihnachten schicken sie ein wenig Geld, viel haben sie ja auch nicht, als Müllmann und Putzhilfe. Du würdest deinen Kindern gerne Geschenke machen, aber mit den 20€ musst du ja auch Strom zahlen.

Die Bedienung in der Kantine versteht nicht, dass du Wasser willst, einfach nur Wasser statt dem süßen Tee. Langsam wirst du wütend auf das grinsende Ding. Heute gab es Rotkraut aus der Dose und dazu Fisch, du hasst Fisch. Endlich kommt das Mädchen und gibt dir Wasser. Dabei strahlt sie wie ein Honigkuchenpferd. Was will sie? Ein Danke? Musste sie jemals um Wasser fragen? Dummes Gör.

Sie nimmt deinen Teller, kaum angerührt hast du dein Essen. Ob du es mittnehmen magst, fragt sie. Deine Handbewegung ist aggressiv, das Gör verdreht die Augen, das Grinsen ist verschwunden.

Mit dem Bus fährst du in deine kalte Wohnung, es riecht nach Katzenklo. Was hat dir dein Tag heute gebracht?

Warum schreibe ich das? Bei der Arbeit sollen wir immer höflich sein und lächeln. Ich lächele gerne, es ist eine schöne Kommunikation. Aber es gibt immer wieder Senioren, die mich ansehen als wäre ich an ihrer Situation schuld. Manchmal sind sie aggressiv wenn du nicht gleich das Essen bringst, oder Wasser, oder Tüten, oder sonst was. Zudem schmeißen wir auch häufig ganze Portionen weg, obwohl die Möglichkeit besteht, sich es sich einzupacken. Zum Beispiel bekommt jeder ein Viertel Brot zum Mittag. Häufig suche ich dann noch jemanden der bereit ist, es mitzunehmen. Warum ist das so? Kindern erzählen wir, sie sollen dankbar sein, vermitteln Werte und lernen ihnen aufzuessen. Erwachsenen sagt das Keiner.

Natürlich hinkt mein Gedankenspiel an allen Ecken und Enden. Ich muss mir dennoch immer wieder bewusst mach: auf Hilfe angewiesen zu sein ist schwer. Außerdem macht es dich nicht zu einem besseren, dankbaren Menschen. Immerhin lassen unsere Senioren vom Salzstreuer bis hin zum Besteck auch gern mal was in die Tasche wandern. Es kostet oft Überwindung dafür eben nicht zu verurteilen. Aber es ist ja nicht ihre Schuld… Einmal mehr musste ich mir diese Woche wieder bewusst machen, das es zu Hilfe auch dazu gehört nicht zu richten.

Es ist eben auch nicht selbstverständlich, dass ich die Suppe bringe, statt sie selbst zu löffeln.

Transnistrischer Rubel

Mai bzw. wegen der Zeitzonen in Moldawien der 9.Mai war Tag der Befreiung. Ich finde es schade, dass dieser Tag in DT kein Feiertag ist. Auch wenn du und ich nicht für die Verbrechen der Nazis verantwortlich sind, so ist es unsere Aufgabe, daran zu Gedenken und dafür Sorge zu tragen, dass solche eine Geschichte sich nicht wiederholt. Es ist daher schade, dass manche gar nicht wissen, was den an diesem Tag passiert ist.

Vor einigen Wochen wollten Alban und ich Tiraspol besuchen. Es ist die Hauptstadt von Transnistrien, gegründet 1990. Dieses Land gibt es eigentlich nicht- es wird nicht mal von Russland anerkannt, obwohl es von dort Subventionen in finanzieller Hinsicht und natürlich Öl und Gas erhält. Das Gebiet ist sicher und Tiraspol gilt als Freilichtmuseum der Sowjetzeit.

Da wir am geplanten Wochenende arbeiteten, schlug unsere Mentorin vor, doch am 9.Mai zur Militärparade zu gehen. Ein Fehler, wie sich herausstellen sollte. Während Chişinău „Tag Europa“ feierte, mit Vertretern aller Ländern und wir sogar die Chance auf deutsches Essen gehabt hätten (es gab bestimmt Roster 🙁), führen wir in eine sehr graue Stadt.

Dass ich Pazifist bin ist kein Geheimnis. In Tiraspol angekommen begegneten uns unzählige Kinder in Militärkleidung, überall schallte Marschmusik. In Transnistrien (Land hinter der Dnister, daher der Name) spricht man russisch. Während in Chişinău die EU Flagge wehte, flatterte in Tiraspol die Russlands.

Igit 🙁

Der Regen färbte die grauen Häuser noch grauer. Auf Panzern spielten Kinder, sie taten so, als würden sie ihre Eltern erschießen. Meine Laune sank ins unermessliche. Zum Schluss gab es den schlimmsten Kebab der Welt- keine Ahnung ob das Huhn oder Schwein war, oder Katze. Falls ihr mal in die Gegend kommt- besucht niemals eine Militärparade. Da lobe ich mir doch Chişinău mit seinen Tänzern in Tracht und dem verlässlichem Essen.

Heute waren wir im Gedenkpark –Complexul memorial Eternitate. Das Monument soll an die Opfer der Roten Armee gedenken. In der Mitte brennt eine ewige Flamme. Ich denke, an dieser Stelle sprechen die Fotos wieder für sich. Die ganze Geschichte hier ist ja sehr politisch. Es ist fast schon kurios: Mihai unser Mentor sagt uns immer, wie schlimm die Verbrechen der Kommunisten gewesen sind. Schlimmer noch, als die der Nazis, meint er. Ich wähle links und damit für ein offenes Europa und für soziale Strukturen. Wer hier aber links wählt, wählt Antieuropäisch. Für eine Annäherung an die EU sind hier „rechtere“ Parteien. Verdreht, oder?

Zum Gedenken- Gewehre aneinander gelehnt

Was ich gelernt habe? Ich denke, Deutschland und die Welt brauchen eine intensive Erinnerungskultur. Unsere Geschichte hört nach 1945 nicht auf, nein DT hat auch eine Vergangenheit, eng verknüpft mit Russland, der Sowjetunion, dem Sozialismus. Weswegen ist der Osten DTs so konservativ, so ausländerscheu? Warum verdienen die Menschen dort weniger? Umso tiefer ich hier in die Geschichte eindringe, desto mehr habe ich das Gefühl, DT vergisst manchmal, dass Geschichte Folgen ins Heute hat… Aber Gut, genug der Philosophie…

Natürlich ist Muttertag in DT, das habe ich nicht vergessen. Ich vermisse nicht nur meine Mama sondern meine ganze Familie. Unser Rückflug ist gebucht, und ich freue mich tatsächlich ein wenig auf Zuhause. Kritik wie immer an s.Frances99@yahoo.com

Hier noch zwei Links zum Thema https://www.prosieben.ch/tv/galileo/videos/201794-was-steckt-hinter-dem-scheinstaat-transnistrien-clip https://www.zeit.de/campus/2018-05/russlanddeutsche-junge-menschen-identitaet-deutsch-russische-beziehungen</strong>