Salut 🙂

Ich könnte jetzt behaupten es ist in den letzten 3 Wochen überhaupt nix passiert und ich habe mich deshalb nicht gemeldet: das wäre allerdings eine fette Lüge. Es ist so viel passiert, dass eben genau dass der Grund für mein Schweigen war und ich jetzt gar nicht weiß, wo ich beginnen soll. Mein Historie Special verschiebe ich noch mal.

Es sind über 2000 Wörter, es tut mir leid.  Vielleicht habt ihr ja sonntags viel Zeit.  🙁

Sprache & Arbeit: Auf Grund neuer personeller Veränderungen hatten wir ein Gespräch mit Ellena über unsere weitere Arbeit. Mir wurde einmal mehr bewusst: wenn du wirklich helfen willst, musst du bei dir anfangen. Hilfe ist kein Projekt für ein Jahr sondern eine Lebensaufgabe, die mit einem solchen Jahr maximal anfangen kann. Den du brauchst die Zeit um dich kennen zu lernen und um dieses Land und seine Leute zu verstehen. Während unseres Gespräches stellte ich erneut die Frage, ob ich Russisch lernen sollte. Da ich aber im Kindergarten Rumänisch brauche wurde diese Frage sofort stark verneint. Aber was ist mit den Senioren? Die würden Rumänisch schon irgendwie können. Njet, können nur die wenigsten. Ich bekomme langsam das Gefühl, Moldawien hat ein Problem mit der russischen Sprache, weil viele einen Identitätsverlust fürchten. Zwar Sprechen vlt. nur 30 % wirklich nur Russisch, aber dennoch wachsen viele zweisprachig auf… Ich finde das sehr wertvoll, mit beiden Sprachen in Kontakt zu kommen und fast etwas narzisstisch von Seiten unserer Chefin zu erwarten, dass die Senioren nun bald alle Rumänisch können sollen. Aber nun gut, auch Unterorden in eine Hierarchie lerne ich hier. Da unser Sprachkurs sein Ende genommen hat, heißt es nun: Getrau dich zu sprechen… Wenn das nur so einfach wäre…

Bei dem Gespräch erfuhr ich auch, dass ich ab dem 8. März noch in eine größere Kindergartengruppe darf, nämlich die Vorschüler und dort mehr Zeit für eigene Projekte bekomme. Ich freue mich sehr darauf, blicke der Sache aber auch etwas ängstlich entgegen, ich werde nämlich wirklich reden müssen. Auf Rumänisch. 🙁

In Iasi…

Die kuriose Welt der moldawischen Pädagogik: Gleich zu Beginn des Märzes stehen zwei große Festlichkeiten an: Frühlingsbeginn ( dazu später mehr) und der Weltfrauentag. Letzteren habe sonst nur über die Medien mitbekommen, in Form von Reden und Ansprachen von der UNO oder  Politikerinnen. Hier ist dieser Tag aber auch Muttertag, welcher sehr gehuldigt wird. Für diesen Tag wurde im Kindergarten gebastelt. Während ich in DT durch meinen kleinen Bruder immer mehr das Gefühl hatte, diese Bastelein seien ein Pflichtprogramm was schnell über die Bühne gebracht wurde, erfuhr ich hier etwas ganz anderes.

Diese Woche war Sora L. meine Kollegin am Nachmittag. Ich muss an dieser Stelle meine Zweifel an Schwestern im Kindergarten widerrufen. Die ganze Zeit über war Action und selbst wenn die Kids mal ihre weiße Haube zum Sturz brachten, hatte sie eine Umarmung und ein Lächeln  bereit.

Eine Sache lässt mich allerdings immer noch schmunzeln. Jeder Gruppenraum ist mit einem Fernseher ausgestattet, welcher mit Liedern für Tänze oder Lernvideos über Zahlen oder den Verkehr zum Einsatz kommt.

Nun war es ein grauer Donnerstag  um 16:30 Uhr und die Kinder sollten Papierherzen mit roter Farbe betupfen.

Dafür kamen immer ca. fünf Kinder an den Tisch. Die anderen durften Cars (diese Autos mit den Gesichtern) anschauen. Was glaubt ihr, was passiert wenn du als dreijähriger Fratze ausmalen sollt während deine Kumpels Cars gucken ?! Ich verrate es euch. Es gab verschiedene Kategorien der Reaktion.

I.: Kind hält Pinsel abwesend senkrecht und führt die Tupfbewegungen mechanisch aus. Der Blick ist gläsern zum TV gerichtet. Das Herz bleibt weiß, dafür sind Hände und Tisch rot. ( ca. 50% der Kinder)

II.: Kind vertret den Kopf, weil der TV hinter ihm hängt. Herz und Hände bleiben weiß, nur der Pinsel ist rot. Wahrscheinlich führt diese Haltung zu ernsten Schmerzen im Nacken und Haltungsschäden. ( 40%)

III.: Kind heult. Herz wird nass und schmeckt nach Träne.

Nur zur Anmerkung…Wir waren zu dem Zeitpunkt drei Frauen im Raum. Ich war zum Helfen eingeteilt, worauf ich stolz war, den die eigentliche Erzieherin musste Cars angucken…

Zum Muttertag gehören außerdem Programme mit Gedichten und Lider. Ich weiß, warum ich keine Erzieherin in Moldawien werden kann, die können nämlich alle singen wie die Nachtigall und da steig ich aus. Die Programme habe ich von zwei Gruppen gesehen. Sie dauern ungefähr 30 Minuten, was für die Kids echt eine Konzentrationsache ist. Mir fehlt das pädagogische Grundwissen ob es so sinnvoll ist. Ich könnte mir vorstellen, dass viel verglichen wird. Was sagt Ottos Mama, wenn er den Einsatz verpasst?

ich kann auch nicht einschätzen ob Mütter so etwas erwarten. Letztlich ist es für die Kids doch die Hauptsache, dass Mama nicht alle drei Monate nach Deutschland muss um dort als Putzfee Geld zu verdienen.

Märzchen- so sehen sie aus Der Frühlingsbeginn hatte nur einen Hacken: – 10 Grad Celcius und Schnee drausen. Ich weiß- in Deutschland auch.

Frühlingsbeginn: Ende Februar tauchten in der ganzen Stadt Stände mit Märzchen auf. Märzchen sind Anhänger, traditionell in Rot und Weiß, häufig mit einem Glückssymbol versehen. Man verschenkt sie zum 1. März um sie am Ende des Monats in einen Obstbaum zu werfen, damit dieser reiche Ernte bringt. Wenn man sie trägt, bringen sie Glück und Gesundheit, was man in Moldawien beides braucht. Woher dieser Brauch genau kommt, konnte ich nicht 100 % herausfinden. Mal geht es um einen Drachen, mal um den Kampf zwischen Frühling und Winter oder eine Frau mit Liebeskummer.

Mal sehen wie lange sie bei meiner Pflege lebt… 🙁

Als kleine Aufmerksamkeit im grauen Winteralltag finde ich diesen Brauch klasse und werde ihn mit nach Deutschland nehmen. Mir war allerdings nicht bewusst, dass er so intensiv gefeiert wird. Sechs Stück hatte ich am Ende des Tages geschenkt bekommen und ich bin für jedes dankbar. Nr. 1 kam von Rodica, damit alle auch eins auf Arbeit tragen können. Nr. 2 von Ellena. Nr.3 von Sora M. worüber ich mich riesig freute. Sora M ist meine Chefin in der Kita und ist auch als Grinseschwester bekannt, weil sie immer lacht und gute Laune hat.

Nr. 4 kam von Sora L. zusammen mit einer duftenden Hyazinthe. Nr.5 und 6 kamen von zwei Kindern bzw. deren Eltern. Warum ich mich über so etwas so freue? Weil es mir das Gefühl von Anerkennung gab. Vor allem die im Kindergarten zeigten mir: so blöd wie du immer denkst, scheinst du dich nicht anzustellen. Nur mit einer Sache werde ich wohl brechen müssen. Im Baum landet mir keins!

Natürlich gingen auch unsere Senioren nicht leer aus. Mit ihnen haben wir sie selbst gebastelt, was auch eine super Idee mit viel Spaß war.

Überhaupt nicht katholisch- die Kirche im Institut

Kultur/Iaşi:

Letzten Samstag besuchten wir Iaşi (gesprochen Iasch), im Rahmen eines Freiwilligentreffes der kath. Kirche. Zum einen fand ich es super, dass wir mit durften, denn eigentlich war es nur für die nationalen Freiwilligen. Wir wollten diese Zeit nutzen um unsere neue Kollegin Ade Lina besser kennen zu lernen. Sie ist ein Jahr jünger als wir und es ist manchmal ganz gut, etwas Zeit außerhalb der Casa Providentei zu verbringen. Mihai und Pfarrer Stephan begleiteten unsere Gruppe und übersetzten uns. Pf. Stephan sprich nämlich Rumänisch, Russisch, Französisch, Italienisch, Deutsch und versteht Latein. Englisch will er noch lernen. Er ist hier für uns und ich vermute für alle Freiwillige zu einem Fels geworden. Er kennt Deutschland und er ist religiös gesehen ein sehr offener Priester. Er hilft uns, wenn wir mal wieder die katholischen Bräuche nicht verstehen.

Zu Iaşi gibt es viele Verbindungen. Zum einen war es mal Hauptstadt von Moldawien, gehört jetzt aber wieder zu Rumänien.  Es hat so eine schöne Altstadt, dass wir nächste Woche dort Urlaub machen werden. (Kurzfristig wurde uns gesagt, dass der Frauentag frei ist 🙂 )

Zum anderen kommen unsere vier Schwestern von dort. Für die Freiwilligen ist es ein Shoppingparadies, dazu später mehr.

Das katholisch theologische Institut war erstaunlicher Weiße ein aufgemöbelter Sowjetbau. Wie sich herausstellte war das Gebäude auch schon zu Sowjetzeiten Institut, durfte aber nur wenige Priester pro Jahr ausbilden. Für mich waren die Menschen etwas ganz Neues. So viele junge Männer die Priester werden wollten hatte ich noch nie auf einen Haufen erlebt. Aber alles in einem fühlte es sich so an wie eine Rüstzeit bei uns in der Gemeinde, was mir die Sache gleich richtig sympathisch machte. Wir trafen auch J. und J. wieder. (Ich bin nicht einfallslos sie heißen wirklich gleich) Die beiden haben einige Monate mit uns gearbeitet und ich dachte immer, sie seien normale Freiwillige. Doch die beiden jungen Frauen sind doch tatsächlich Schwesternanwärterinnen. Für mich symbolisieren sie einen eigenen Feminismus. Ich will nicht sagen, dass eine Frau nur mit Mann und Kind komplett ist, nein keines Wegs. J und J sind hübsche, bodenständige und vor allem hochstudierte Frauen. (Ich weiß vom Italienisch und Französischstudium) Was ich so faszinierend finde, ist, dass sie ihre Haare schneiden werden, ihre noch farbenfrohe Kleidung tauschen werden gegen die graue Tracht und am Ende im Dienst des Menschen treten. Uns wurde erklärt, dass es 35 Jahre dauert um das ewige Gelübde zu leisten. Dennoch zolle ich den beiden für die reine Überlegung einen hohen Respekt.

Palas Mall ist der Name des Shoppingcenters. Dort waren die anderen Freiwilligen während ich mir Alban zu liebe noch den Kirchenchor anhörte (keine Frage, klang super und erinnerte an Taize). Hätte ich die Größe des Ganzen aber gewusst… da wäre auch mein Kapitalist erwacht. Die Freiwilligen wollten dort nur aus einem Grund hin: Dort gibt es den Westen. Deichmann, C&A, H&M, Zarah und ein….. Trommelwirbel….. dm !!!

Ja, da waren sie wieder, meine Erste- Welt Probleme. In Moldawien gibt es Iuvas und Moldcom, diese produzieren lokal und sind damit letztlich fairer als C&A und H&M zusammen. Weshalb die Freiwilligen dort hinwollten ist mir aber klar. Es ist ein Status und etwas Besonderes. Immerhin leben wir hier nicht hinterm Mond und wissen, dass einige Firmen Moldawien nicht so schnell erreichen werden.

Wir nutzen die Zeit um mit Mihai über Geschichte zu reden.

Tritt Moldawien in die EU ein? Nein so schnell bestimmt nicht, unerfüllbare Hürden.

Wie sieht er eigentlich Russland? Er gehört zu den wenigen nicht pro-russischen Familien. Maihai meinte sogar, dass sie die Taten der Roten Armee und danach als schlimmer empfanden, als die Taten des NS-Regimes, was mich erst mal schlucken lies.  Details kommen im versprochenen Historie Special.

Der beste Satz war aber die Antwort auf folgende Frage: Ist Rumänien korrupter als Moldawien (die Straßen schon)?  Nein, in Rumänien gibt es zwei Gruppen: die Guten und die Bösen. In Moldawien aber, da sind alle und alles korrupt, da merkt man es nicht mehr.

Das bringt die Sache gut auf den Punkt.

Wenn fragen Gold ist… Manchmal haben wir keine Senioren in der Kantine, sondern Menschen, die einiges jünger sind. Sie kommen durch den Statt und sind nicht besonders beliebt, da sie theoretisch genug Geld haben  und die Verteilung und die Komponente wer Anspruch hat, undurchsichtig sind. Aber die Devise ist, Hilfe bekommt jeder, egal wie verrückt die Leute sind (ich sage nur: Essener Tafel, das kann ich mir hier nicht verkneifen)

Ich muss euch hier zwei Menschen Vorstellen. Domna Blau, eine Dame im blauen Mantel. Sie kam ständig in die Küche, was aus hygienischen Gründen verboten ist und wollte : Suppe ohne Schmand und ihr Essen ohne Fleisch, das Fleisch dafür extra. Sie brachte mich zur Weißglut, da ich ihr nicht erklären konnte, dass so etwas nicht geht. Hätte ich Rodica nur eher gefragt, woher dieses Verhalten kommt. Domna Blau ist orthodox und vor Ostern wird streng gefastet. Keine Milchprodukte und kein Fleisch . Das erklärte so Einiges.

Die andere Person, die ich euch vorstellen will ist Nadia. Sie kommt häufig zu uns. Manchmal reist sie mir den besen aus der Hand oder  sie lacht laut über etwas, was nur sie sehen kann. Nadia ist stark geistig verwirrt. Sie rotzt in die Ecke und Sora B. wirt mir häufig besorgte Blicke zu, als fürchte sie, ich würde reis aus nehmen, wenn ich zu viel Kontakt mit ihr hätte.

Am 1. März bekamen nun alle eine Karte mit Märzchen, auch Nadia.  Sora B. nahm sich eine Karte, alle anderen einige mehr. Sie grinste uns an und meinte: Ich mache Nadia, das gilt für zehn.

Blick vom Wasserturm

Mir entfuhr ein lautes Lachen und ein verstörter Blick.  Darauf hin, schaute mich B. lachend an und fragte: Du hast mich also verstanden?!

Ja, den Quatsch und Spaß will ich schließlich mitbekommen.

Seit wir für Schwester M. Geburtstag in die Casa geschlichen sind, um eine Girlande vor ihrer Tür aufzuhängen (eine Nacht und Nebelaktion, Rodicas Idee) sind die Schwestern total begeistert von uns. Und unseren Einbruchskünsten. 🙂 🙂 🙂

ACHTUNG !!! Ab hier wird es politisch. Lest einfach nicht weiter wenn ihr es nicht hören wollt.

Der Wasserturm mit Sadtmuseum- eigentlich am Wochenende geschlossen, wir durften trotzem rein.

Ich bekomme DT ja trotzdem mit und bin auch weiterhin interessiert an unserer Politik.

Nun wollte die Afd diese Woche gerne die deutsche Sprache ins GG bringen.

Hier dazu ein Satz von Pf. Stephan: » Die Freiwilligen sotllen sich mit euch auf Englisch unterhalten, es ist die gemeinsame Sprache, die uns alle zusammen bringt. Ich kann sie nicht, und dass finde ich traurig.«

Also, in diesem Sinne:  Deutsch und seine Dialekte als kulturelles Gut ja, aber bitte lasst uns nicht vergessen, dass wir damit in der Welt nicht weit kommen.

Ich vermisse einen Laden wirklich. Einen guten Buchladen. Deswegen war ich heute in einen und habe drei englische Bücher gekauft. Auf geht‘s, ich les das jetzt.  Netflix gibt‘s hier übrigens auch nicht auf Deutsch. Also, lasst uns keine Sprachennazis  sein.

Diese Woche waren wir wieder Produkte austeilen. Die Pakete dafür haben wir selber gepackt und abgefüllt. Arbeit, die wirklich sinnvoll ist. Drei Pakete kommen so zu einer Person. Zwei mit Essen und eins mit Waschmittel und Seife usw. Manche dieser Menschen kommen nicht zu uns, weil sie sich schämen.

Wir sind eine Tafel auf Rädern aber nur für Senioren, weil die hier die aller Ärmsten sind. Der junge Arbeitslose, geht betteln. Ausländer gibt es nicht.

Wir helfen Verrückten, wir helfen Leuten die stinken und Leuten die kein Rumänisch können. Ich bin ein Ausländer in einem fremden Land und reicher als der Durchschnitt.

Mehr sage ich nicht zum Thema „Tafel“ in Deutschland. Ich lass mal noch einen guten Artikel da.

https://www.neues-deutschland.de/artikel/1081270.die-tafeln.html

Der letzte Teil war meine Meinung, wir können gerne sachlich quatschen, aber nicht sauer sein.

Nächste Woche ist erst mal Urlaub, und dann freue ich mich schon riesig auf Besuch meiner Familie!!! Ich denke 2384Wörter reichen für die nächsten Wochen.

Chişinău von oben

Adios!