Vor Kurzem hat mir ein Facebook-Zitat folgendes gelernt:“ Im Frühling solltest du am Abend nach Dreck riechen“. Wer das gesagt hat, habe ich bereist wieder vergessen, aber weil ich so ein Nasenmensch bin, ist mir zumindest der Inhalt in Erinnerung geblieben. Ich habe die Aufgabe nicht nur heute erfüllt sondern eigentlich die ganze Woche. Wenn alles blüht zieht es auch alle raus. Sogar der Kindergarten erlaubt seinen Sprösslingen nun auch nachmittags die Sonne zu genießen, und was bietet sich besser an, nach Dreck zu suchen, als ein Spielplatz? (:

Leider erreichen die Frühlingsgefühle meine Welt nur außerhalb der Casa Providentei. Um euch zu erklären warum, möchte ich wieder eine Person vorstellen.

Trommelwirbel bitte: Domna Valentina. (Der Name ist hier so häufig, das spielt es keine Rolle ob ich ihn änder oder nicht)

Die Gute ist irgendwas zwischen 70 und 80 Jahren alt. Wahrscheinlich weiß sie das selbst nicht. Valentina schlurft immer etwas zu spät in unsere Kantine. Ihr Erkennungsmerkmal: Eine Mütze. Im Winter war es eine rosa Kindermütze mit so Franzen auf dem Kopf und einem Einhornsymbol auf der Stirn. Im Frühling ist es eine rote Männermütze. Wie ihre Haare aussehen kann ich euch nicht sagen.

Zu Beginn dachte ich, dass sie eigentlich relativ kräftig ist. Doch ich wurde im Wortsinn „ent-täuscht“. Unter ihrer vergrauten Jogginghose und dem grauen Pullovern verbirgt sich ein knorriges Gerippe, wie bei so vielen unserer Bunici.

Immer wenn Valentina zu uns essen kommt, sammelt sie alle Rester ein, die sie finden kann. Sie trinkt die Teekannen aller Tische leer und häuft sich Essen aller Teller in einen Beutel, denn ich ihr bringen muss. Valentina ist eine unglaublich nervige Person. Wenn wir nicht sofort springen, dann kratzt sie an unseren Armen oder schimpft. Dennoch geht sie nie ohne ein “ Dankeschön“ und sie ist immer stolz, wenn ihr ein deutsches Wort einfällt. „Blumchen“ (Ü gibt‘s nicht) zum Beispiel.

„Blumchen“

Warum erzähl ich das alles? Alban hat da etwas rausgefunden, was mich wieder zum nachdenken gebracht hat.

Valentina hat keine Papiere. Wenn unsere Chefs sie danach fragen, wischt sie es mit einer abfälligen Handbewegung weg. Von ihrer Vergangenheit wissen wir nur, dass sie ein Kriegskind ist (bei unseren Klienten nix besonderes) und ihre Eltern aus Nordrußland stammen ( nicht Sibirien aber kalt), was laut Mihai der Grund für ihre Art ist 😉

Nun zum Eigentlichen: Keine Papiere, keine Rente. Keine Rente kein Geld für Miete, Wasser, Gas, Strom, Essen.

Ich würde keine 2 Monate überleben. Anscheint wohnt sie mit 7 weiteren Senioren zusammen. Gemeldet kann diese Wohnung nicht sein. Da Valentina eine Urfigur ist und trotz ihrer anstrengenden Art ein liebenswerter Mensch ist, darf sie wohl ab und an in der Casa duschen und Sachen ausspülen. Für alle Nasenmenschen: Nö, müfflig ist sie nicht. (Übrigens ist das mit dem duschen wirklich eine Ausnahme, es ist nicht so, dass wir regelmäßig Omas und Opas in flauschigen Bademänteln sehen)

Obdachlosenheime gibt es übrigens nur bedingt, auf die kommen wir heute noch. Diese bieten allerdings nur Schlafsäle und weder Duschen noch Waschmöglichkeiten.

Jetzt meine Frage: Ist Valentina ein Sozialschmarotzer?! Keine Papiere ist etwas, woran man selbst schuld ist.

Ich werde dafür keine weiteren Argumente anbringen. Mein Pullover trägt den Spruch: KEIN MENSCH IST ILLEGAL und ich versuche das zu leben.

Aber es ist dennoch so unglaublich schwer, zu helfen. Eine warme Mahlzeit am Tag ist eben nur ein Tropfen auf dem heißen Stein…

Steine legt auch die Regierung in den Weg. 450000 €, 9 Millionen Lei wurden für Stiefmütterchen vor der Kathedrale ausgegeben, was Spott im ganzen Netz hervorbrachte. Dieses Geld wäre Gold wert für unsere Bunici.

Aber lasst und noch ein wenig über „Schmarotzer“ reden.

Alles begann mit meinem ersten heftigen Kulturschock. Trolleybusfahren- Abenteuer. Hitze im Sommer- okay. Tag der Toten- das war dann doch zu viel.

Eigentlich kennt man den ja aus Mexiko, dort ist er im November. In Moldawien gibt‘s den auch, und zwar im April. Ich wusste durch eine Doku davon, und da zu einem Jahr Auslandserfahrung auch das Kennenlernen der Totenkultur gehört, kam uns der Tag ganz recht. Letzten Montag (der Tag ist sogar frei) ließen wir uns von einem miesgelaunten Taxifahrer zum Friedhof fahren. Wir hätten vielleicht schon skeptisch werden sollen, als wir vor einem Bestattungsinstitut inklusive Limousine (war dann doch ein etwas anderer Leichenwagen) nicht weiter kamen. Nette Polizisten meinten, wir sollten lieber laufen. Das bot uns einen guten Einblick, in etwas, was ich vielleicht nicht sehen wollte. (Anmerkung: der Tod an sich ist kein Problem. Spaziergänge über den Burgtädter Friedhof oder unsere fachkundige Nachbarschaft sensibilisiert da)

Der Weg zum Friedhof war dann aber doch… speziell. Wir kamen an mindestens 5 Bestattungsinstituten und Grabsteinmetzen vorbei. Eines der Häuser war in einem dunklen Türkis gestrichen und mit einer betenden Nonne verziert-gruselig. Als wäre das alles nicht schon kurios genug, kamen uns Menschenmassen bewaffnet mit Picknickkörben und bunten Plastikblumen entgegen.

Links und rechts des Weges, verkaufte Hinz und Kunz Narzissen, Plastik, Tulpen, Plastik und Plastik.

Endlich angekommen, besichtigten wir kurz die Kirche und schoben uns dann mit 1000 anderen Menschen Richtung Eingang.

Man wollte uns auch auf dem Friedhof noch Kuchen und Kaffee verkaufen.

Wie sehen Gräber in Moldawien aus? Groß, Größer, Marmor. riesige Bildnisse in Stein gemeißelt oder lebensechte Skulpturen zierten die Ruhestätten. Teilweise waren die Gräber bereist verziert aber der Besitzer war noch gar nicht verstorben. Auf jedem Grab standen ein Tisch und eine Bank, so ausgerichtet, damit es die Wirkung hat, als säße der Tote mit in der Runde. Dort aßen also die Familien ihr Picknick. Andere  Länder andere Sitten. Was mich letztlich am meisten ärgerte, war der Müll am Wegesrand und die unzähligen Bettler. Kinder im Rollstuhl und

Frauen bettelten um die Wette. Das Ganze war so obskur, dass wir schleunigst ein Taxi zurück in die verlassene  Stadt nahmen. Der Taxifahrer meinte, Chişinău hätte den größten Friedhof Europas. Stimmt nur bedingt, er ist einer der Größten… aber das ist eigentlich irrelevant.

Mehrere tausend Euro kostet dieser Luxus. Warum dieses Geld nicht in eine Altersvorsorge gesteckt wird, weiß ich nicht.

Rodica verstand meinen Schock. Auch sie mag diesen Brauch nicht. Allerdings verstärkte sie das dumpfe Gefühl in meinem Magen. Zu einen erklärte sie mir, dass es zum Brauch gehört, Bettlern an diesem Tag etwas zu geben. Gibt man z.B. ein Brot, hat der Verstorbene immer genug Brot im Himmel. (klingt sehr christlich, ich weiß)

Das geht so weit, dass in Soroca reiche Romabarone Computer usw. verschenken um ihren Reichtum zu präsentieren.

Zum anderen warnte sie mich auch. Das Betteln ist häufig organisiert: eine Art Bettel-Maffia bestimmt wer wo um Almosen bittet und verscheucht gegebenenfalls auch Nebenbuhler. Am Abend muss der Bettler/ die Bettlerin einen Teil des Geldes abgeben.

Ich habe mich diese Woche oft gefragt, was Helfen eigentlich da noch bringt. Sicher geht es euch ähnlich. Ich habe darauf keine Allroundantwort. Nur ein paar Gedanken.

  1. Niemals weggucken. Wenn du Helfen willst, sind es viele Tropfen die den Regen machen.
  2. Da ist einen Unterschied zwischen Deutschland und dem Osten. Rodica meinte, sie kaufe häufig Essen und Wasser für Bettler, denn das kann nicht abgegeben werden, wenn es im Bauch ist. In Deutschland haben wir aber viele Hilfsangebote, das Beste ist, auf diese zu verweisen und sich erkundigen, ob Hilfe gewollt ist. ( ICE Vorbereitungsseminar) Ein Busticket oder ein Lächeln sind auch Hilfe.
  3. Kein Mensch ist illegal.

Genug der grauen Gedanken.

Warum riecht Frances Samstagabend nach Dreck?

Weil sie einen Ausflug nach Condrita [Contriza] gemacht hat. Dort ist ein schönes altes Kloster aus dem 18.Jh (renoviert) und das pure Landleben. Mit deutschen Straßen wären wir in 35 Minuten vor Ort gewesen, wir brauchten ca. 75 Minuten.

In diesem kleinen Seelendorf wuchsen Unmengen an Genüsse, Pferde grasten uneingezäunt und es duftete nach Frühling. Die Fahrt habe ich aus Sicherheitsgründen verschlafen, da der Busfahrer nicht vertrauenswürdig fuhr.

Ich denke, die Bilder erzählen mehr als Worte.

Abschließend noch etwas aus der Welt der Kinder. In Deutschland, speziell in Sachsen, liegt der Erzieherspiegel bei 5,5 in der Krippe und bei 12 bei den Größeren. (Danke an Oma, für die fachkundige Auskunft, ganz ohne Google) Hier ist bei den Großen eine Erzieherin für 24 Kinder (wenn alle da sind) und bei den Kleinen sind es eine Helferin und eine Erzieherin für ebenfalls 24 Kids. Mit einem guten Organ und viel Disziplin funktioniert das. Eigentlich brauchen wir doch keinen Erzieherschlüssel, oder?!

Ich war wirklich fasziniert wie gut das hier klappt. Aber umso länger ich hier bin, merke ich, wie das Individuum des Kindes zurück bleibt. Ein kleines Beispiel aus der Sprachentwicklung: „Margo (Name geändert) wie heiße ich?“ „Dences“ “ Und was ist das?“ „Ein Felfin“.

Nun ist es klar, dass 3 Jährige nicht perfekt reden müssen. Es soll nur ein Symbolbeispiel sein, für viele Dinge, die den Erziehern nicht auffallen, oder sie nicht intensiv betreuen können. Auch in DT ist dieser Schlüssel nicht ausgereift und zu theoretisch. Umso wichtiger ist es, dass wir uns bewusst sind, was für Folgen es haben kann, wenn wir diese Sache auf die leichte Schulter nehmen.

Ich muss aber auch wissen: Ich bin eine unausgebildete, nicht sprachkundige Arbeitskraft. Es liegt nicht in meinem Bereich, hier die Welt  zu verbessern. Ich kann für mich lernen und teilhaben lassen.

Egal wie gut ich vorbereitet wurde, auch wenn ich wusste, dass ich nicht einen Berg bewegen werde- es ist immer noch zweimal weniger als man erwartet.

Aufhören werde ich deswegen gerade nicht. Und trotz dieser doch negativen Gedanken, sehe ich mit Freude auf die letzten Sommermonate in Moldawien, es gibt noch viel zu erleben.

P.S.: Valentina ist sehr tierlieb. Knochen, Fischreste und Brotkrumen sammelt sie für die Vögel, die wilden Hunde und Katzen. Sie hat quasi nix, außer ihrer Lebenskraft und teilt dennoch. Irgendwie  bewundernswert, im Gegensatz zu mir, die überlegt, wie viel und ob sie den Bettler nun was gibt…

Nächstes Mal erzähl ich euch von der Osteraufführung 🙂 War heute zu viel. Ich freue mich drauf.